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Zuhause beim grossen Satan (in German)
Die Zeit
June 22, 2006

By Thomas Kleine-Brockhoff
Washington Bureau Chief

http://www.zeit.de/2006/26/US-Muslime?page=1

Die Zeit (pronounced /di: tsait/) is a German nationwide weekly newspaper (literally translated: Time). It is the most widely read German weekly and has a very high reputation as a quality newspaper. The publishing house is seated in Hamburg. The first edition was printed February 21, 1946.

The paper is very centrist and high brow, and has oscillated a number of times between slightly left-leaning and slightly right-leaning. It is known for its very large physical size and its long and detailed articles. (Source: Wikipedia)






Sie sind erfolgreich, angesehen und integriert – muslimische Einwanderer kommen in Amerika gut zurecht. Ein Streifzug durch das islamische Chicago Von Thomas Kleine-Brockhoff

Alles begann mit einem Traum. Eines Nachts sah Mohammed Krad auf seinem Wiesengrundstück eine Moschee heranwachsen. Eine Verirrung der Nacht, wie er fand. Doch ein Jahr später erschien ihm die Moschee wieder. Nun begann er, die Fantasie ernst zu nehmen. »Vielleicht will Gott«, dachte er sich, »dass ich sein Bauherr werde.« So schenkte der Arzt Mohammed Krad sein Grundstück in den grünen Hügeln vor Chicago der muslimischen Gemeinde in dem Glauben: »Wenn ich gebe, wird Gott mir mehr geben.« Das ist gut muslimisch und gut amerikanisch und passt deshalb gut zusammen.

Im Februar 2005 begannen die Planungen. Die Muslime der Vorstadt Orland Park waren sich bewusst, dass der Bau einer Moschee mitten im »Krieg gegen den Terror« zum Toleranztest werden könne. Doch das Genehmigungsverfahren verlief blitzartig, und schon 14 Monate später kann Mohammed Krad stolz durch den Gebetssaal führen. Nur noch der Boden muss verlegt werden. 500 Gläubige fasst die Moschee, und durch die Fenster sind in der Ferne die Wolkenkratzer von Chicago zu sehen. Im Mai soll Eröffnung sein. Dem Architekten, einem Mann namens Smith, hatte Krad ein Foto vorgelegt und gesagt: »Smith, bauen Sie mir dies hier nach!« Zu sehen war der Felsendom von Jerusalem. Dessen suburbane Schrumpfversion steht nun auf Krads Wiese, samt goldglänzender Kuppel und blauem Kachelmosaik, drum herum Parkplatz.

Etwas unangenehm war nur die öffentliche Anhörung. »Ein paar Leute dachten, Osama bin Laden ziehe hier persönlich ein«, erinnert sich Krad. Und nach einer Pause: »Die Sorge verstehe ich ja.« Also starteten die Muslime von Orland Park eine Charmeoffensive. Sie erklärten, der Wert der Häuser werde steigen, wie in all jenen Vororten, wo Moscheen gebaut wurden und wohin wohlhabende Muslime nachzogen. Krad versicherte, »keinen Cent« Spendengeld werde man »aus Übersee« (sprich Saudi-Arabien) akzeptieren. Auf den Muezzin verzichtete die Gemeinde ganz. »Wir sind doch nicht im 14. Jahrhundert«, meint Krad, »heutzutage kann man sich vom Computer ans Gebet erinnern lassen.« Am Ende war der Widerstand gegen die Moschee nur schwach. »Man darf als Minderheit nicht unter Verfolgungswahn leiden«, meint Krad. »Gegen alles, was gebaut wird, protestiert irgendwer.«

Bitte keine »Importprediger« aus Übersee wie in Europa

Als junger Mann wanderte Mohammed Krad 1974 aus Syrien ein und kam schnell zu Bildung, Wohlstand und einem US-Pass. Inzwischen 55 Jahre alt, ist Amerika für ihn »das grossartigste Land der Welt, egal, was andere Leute sagen«. Die Kritiker sähen immer nur die Aussenpolitik, nicht aber »Aufstiegschancen, Gerechtigkeit und Toleranz gegenüber Andersgläubigen«. Diese Werte will Krad in seiner Moschee geachtet sehen, weshalb ihm nichts wichtiger ist als die Auswahl des Imams. Keinesfalls will er »einen Import-Prediger«. Denn »diesen Fehler« habe manche Moschee »in Europa und auch in Amerika« begangen. Sein Zauberwort lautet »American born«. Wer als Muslim vom Schmelztiegel Amerika geformt ist, kann schwerlich radikal sein.

Fast fünf Jahre nach dem Anschlag vom 11. September ist ein bemerkenswertes Phänomen zu besichtigen: Amerika und seine Muslime kommen gut miteinander aus. Es gebe »deutlich weniger ›Kampf der Kulturen‹ als in Europa«, schreibt der Einwanderungsforscher Peter Skerry vom Boston College. Viele der sieben Millionen Muslime verabscheuen zwar George Bush und seine Nahostpolitik, sie fühlen sich durch Misstrauen und amtliche Überwachung in ihren Freiheiten beschnitten. Auf Amerika lassen sie trotzdem nichts kommen. Fünf Wochen lang reiste jüngst Mounir Azzaoui, der Sprecher des Zentralrats der deutschen Muslime, durchs muslimische Amerika. Seine grösste Überraschung war, dass »die alle stolz sind, Amerikaner zu sein«. Ein Paradox, jedenfalls scheinbar. In Chicago, wo 400000 Muslime leben, lässt es sich enträtseln.

»Der Anschlag vom 11. September machte Muslime nicht nur zu Verdächtigen«, sagt Ahmed Rehab. »Er zwang sie, sich zu wehren.« Rehab, 29, vernahm den Ruf der Geschichte und tauschte seinen guten Job als Unternehmensberater gegen einen mässig bezahlten als Aktivist. Nun sitzt er in einem Wolkenkratzer im Büro von CAIR, dem Council on Muslim-American Relations. Es ist die grösste Organisation der Muslime und seit September 2001 explosionsartig gewachsen. CAIR ist immer da, wo Muslime beleidigt, benachteiligt oder verdächtigt werden. »Ohne Widerstand«, sagt Ahmed Rehab, »kann man Muskeln nicht trainieren.«

Muslimische Organisationen entstanden in Amerika nach der ersten Einwanderungswelle aus dem Nahen Osten, nach 1965 also. Es waren Kulturvereine. Inzwischen sind professionelle Lobbygruppen aus ihnen geworden. Nichts hat diese Entwicklung so beschleunigt wie der Terroranschlag auf Amerika. Der systematische Protest darf als Spielart der Amerikanisierung gelten; er symbolisiert die Integration ins politische System. »Ziemlich ironisch« sei es, befindet der Forscher Peter Skerry, dass eine »fragmentierte Einwanderergruppe«, aus 60 Ländern stammend, »durch staatliche Antiterrorpolitik« in eine »kohärente Identität« gezwungen wurde.

Funktionär Rehab kann blitzschnell Beispiele herunterbeten, wie Amerika sein Versprechen brach, gleiche Rechte für alle Ethnien und Glaubensrichtungen zu garantieren: Antikatholizismus im 19. Jahrhundert, Sprachverbote für die Deutschamerikaner im Ersten Weltkrieg, Antisemitismus bis zum Zweiten Weltkrieg, Internierungslager für japanische Amerikaner. Doch immer, sagt Rehab, »standen am Ende Bedauern und Korrektur«. Amerika ist für Rehab ein permanenter Emanzipationsprozess. Nun seien eben die Muslime an der Reihe. Sie müssten Amerika »helfen«, seine »Heuchelei zu überwinden« und stattdessen seine »grossartigen Ideale« zu leben. Rehabs Vorbild ist die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Wenn er Condoleezza Rice im Fernsehen sieht, erblickt er nicht nur die Aussenministerin eines Staates, »der schon mal das falsche Land bombardiert«. Vielmehr erkennt Rehab in Rice das Mädchen aus dem segregierten Süden, das es bis in die Regierung schaffte. Für die Mitglieder von CAIR steht Rice für das Versprechen, dass »der nächste oder vielleicht der übernächste Aussenminister ein Muslim sein könnte«.

Ahmed Rehab nennt sich selbst einen »Integrationisten«. Seine internen Gegner schimpft er »Isolationisten«. Jene nämlich, die Amerika »als Monolithen sehen«, mit antimuslimischer Aussenpolitik und einem Innenleben aus zerfallenden Familien, Drogen, Alkohol und Hedonismus. Ein Land, vor dem man sich nur abkapseln könne. Zwar setzten sich die »Integrationisten« nach dem Anschlag vom 11. September bald durch. Aber Rehab versteht, woher »die andere Seite kommt«. Mit 15 habe er »dieselbe Amerika-Kritik« gehabt. Damals hatten seine ägyptischen Eltern ihn (nach mehrjährigem Umweg über England) nach Chicago gebracht.

Schnell lernte er aber ein Land kennen, in dem es weder »Gast« noch »Gastgeber« gibt, sondern alle den gleichen Anspruch darauf haben, Amerikaner zu sein. Und er entdeckte in seiner Chicagoer Vorstadt ein Schulsystem, das Einwanderer nicht zu Bildungsverlierern macht. Anfangs fuhr er »aus Sehnsucht« immer wieder nach Europa. Doch dann verstand Rehab, dass nicht Europas Sozialstaaten mit ihren Einstiegs- und Aufstiegshindernissen Einwanderern die besten Chancen bieten. »Hier in Amerika geht alles nur ums Geschäft, und das ist gut so«, sagt er. »Wenn du ein kleines Genie bist, ist es völlig egal, was du denkst oder glaubst oder ob man deinen Namen aussprechen kann.« So betrat Jungbürger Rehab den ökonomischen Fahrstuhl Amerikas und fand sich mit Mitte zwanzig im Nadelstreifenanzug und mit Designerbrille im Büroturm eines Beratungskonzerns wieder.

Wahrscheinlich hat aber nicht nur Amerikas Chancengerechtigkeit die wirtschaftliche Integration der Muslime befördert. Sie hatten auch gute Startbedingungen. Die Einwanderer der sechziger Jahre, vor allem Libanesen und Syrer, kamen aus der Bildungsschicht. Es waren Studenten, Ärzte, Ingenieure, und sie fanden schnell ihren Platz. Heute verdienen Amerikas Muslime sogar mehr als der Durchschnitt aller Amerikaner. Gerade in der zweiten Generation sind sie besonders gut ausgebildet, vor allem die Frauen. Und Chicagos Radio Islam stachelt sie täglich zum Ehrgeiz an. Dort wird ständig wiederholt, dass 86 Prozent aller amerikanischen Millionäre ihren Reichtum nicht ererbt, sondern selbst erarbeitet hätten. Mit steigendem Wohlstand haben sich viele Muslime aus den städtischen Einwanderervierteln in die Einfamilienhäuser der Vorstädte aufgemacht. Die zweite Generation zieht gern wieder zurück in die Lofts der Innenstadt, arbeitet als Anwalt oder Arzt. Das Phänomen nennt sich »muslimische Yuppiefizierung«.

Als Lena Ismail im Herbst 2001 die Loyola University im Norden Chicagos betrat, befürchtete sie das Schlimmste. Gerade hatten Terroristen Flugzeuge in New Yorker Hochhäuser gerammt, und ihre neue Zimmergenossin im Studentenheim stammte – ausgerechnet – aus New York. »Ich dachte, die würde mich hassen«, erinnert sich Ismail. Doch die New Yorkerin war »furchtbar süss« und wurde zur neuen Freundin. Auch auf dem Campus schlug ihr keine Feindseligkeit entgegen. Loyola ist eine Jesuiten-Hochschule. Die 300 Mitglieder der muslimischen Studentenvereinigung dürfen Hochschulräume als Moschee nutzen. Wer hineinwill, muss allerdings durch die Räume von Hillel, der jüdischen Studentenvereinigung. Macht nichts, Freundschaften und gemeinsame Veranstaltungen verbinden beide Gruppen. »Menschen, die religiös sind, schätzen die Religiosität anderer«, sagt Ismail. Das sei der Geist der Jesuiten und eigentlich ganz Amerikas. Wahrscheinlich habe es eine religiöse Minderheit »unter lauter Atheisten schwerer«. Eine kleine Beobachtung einer Studentin, die längst die Analytiker beschäftigt. Zum Beispiel den New Yorker Imam Feisal Abdul Rauf, der 2004 in seinem Buch What’s Right With Islam Amerikas »positive, unerschrockene Haltung gegenüber der Religion« feierte. Die »einander verstärkenden Merkmale von Religiosität und Pluralismus«, geboren aus der sektiererischen Vergangenheit Amerikas, sorgten, so Spencer Abraham in der Zeitschrift The New Republic, dafür, dass viele Muslime Amerika adoptierten. Jedenfalls hätten »extremistische Botschaften« nur in »äusserst seltenen Fällen« zum Terrorismus geführt. Ganz anders in Europa, argumentiert Abraham, wo eine »Kultur der Ausgrenzung« leichter Dschihadisten produziere. Zudem wirke »ein scharfer Säkularismus« hinderlich. Schon ein »kleines Zeichen der Religiosität im öffentlichen Raum«, das Kopftuch etwa, werde zur »subversiven politischen Äusserung« stilisiert.

Tatsächlich ist der Kopftuch-Streit Amerika fremd. Verbote sind bisher niemandem in den Sinn gekommen. An mindestens einer der muslimischen Privatschulen rund um Chicago, der Universal School, gilt Kopftuch-Pflicht von der 6. Klasse an. An der Loyola-Universität gehört das Kopftuch zur Normalität der muslimischen Minderheit. Trotzdem gibt es Spannungen und innere Konflikte. Lena Ismail würde gern Kopftuch tragen, fürchtet sich aber, wie sie sagt, »vor Stereotypisierung«. Sie wolle lieber »anonym bleiben«. Sie träumt davon, TV-Moderatorin zu werden, zweifelt aber, »ob Amerika ein Kopftuch im Fernsehen sehen will«.

Der FBI-Chef schlägt einen Muslim für den Bürgerschaftspreis vor

So kennt auch in Amerika die Integration Hürden. Die sind aus Sicht vieler Muslime schwer überwindbar, sobald drei Buchstaben im Spiel sind: FBI. Kareem Irfan hat es erlebt. Seine Wahl zum Ratsvorsitzenden der muslimischen Organisationen Chicagos fiel beinahe zusammen mit dem 11. September 2001. Seither tauchen regelmässig FBI-Agenten an seinem Arbeitsplatz bei der Firma Schneider Electronics auf. Für den Anwalt Irfan, dessen Vater aus Indien eingewandert war, begann ein Eiertanz: Er wollte Repressalien gegen seine Minderheit verhindern, zugleich aber Terroristen keinen Raum lassen. Er wollte gesetzestreu sein, zugleich aber »der eigenen Gemeinde nicht als zu nachgiebig« erscheinen. Zwei Jahre später schlug der örtliche FBI-Chef Irfan für einen Bürgerschaftspreis vor. Irfan reagierte konsterniert. »Mein Herr«, sagte er, »ich weiss nicht, ob das der richtige Preis für mich ist.« Er beriet sich mit der Führung der Chicagoer Muslime, nahm dann aber an. Und bestand darauf, dass der Preis vor Muslimen verliehen werde und er reden dürfe. Es wurde, wie Irfan sich erinnert, »die schwierigste Rede meines Lebens«. Er erklärte, er nehme den Preis »stellvertretend« für seine Gemeinde an, als Anerkennung der Loyalität der Muslime gegenüber Amerika. Und er sehe ihn als »Ansporn«, nun noch heftiger für die »völlige Gleichberechtigung« der Muslime in Amerika zu kämpfen.



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